Erste Gedanken

Die ersten Gedanken an diesem Ort sind fremde Gedanke, die nicht meinem eigenen Denken entstammen. Jeder Mensch vermag jedoch, diese Gedanken selbst zu denken, sie somit in seine Gedanken zu verwandeln. Alle diese Gedanken Denkenden denken sohin nicht bloß das Gleiche, sie denken das Selbe.

Reiselied an einen Freund

Bruder! komm, und lass uns wandern!

Habe Leid und Lust gemein!

Kommt ein Wetter nach dem andern,

Hilf mir doch beständig seyn.

Der Verdruß vergang'ner Tage

Zeigt viel' süß Erinnerung,

Wir erdulden schwere Plage,

Aber wir sind auch noch jung.

 

Gleiche Brüder, gleiche Rappen!
Einerlei Gefahr und Muth!

Sollt' uns auch der Feind ertappen,

Kämpfen wir für Ruhm und Blut.

Wir sind allzeit freie Leute,

Ob uns gleich die Armuth drückt;

Werden wir doch immer heute

Durch geschwinden Trost erquickt.

 

Jene, so in großen Städten

Unter Sammt und Seide gehn,

Müssen, wenn sie Pflaster treten,

Voller Furcht und Sorgen stehn.

Ihrer Aemter Schein und Würde

Ist ein Mantel der Gefahr,

Und sie werden bei der Bürde
Ihres Lebens kaum gewahr.

 

Sag' es, Bruder, unverholen,

Sind wir nicht weit besser dran?

Unser Schaden sind nur Sohlen,

Die man leicht ersetzen kann.

Nichts verwirrt uns die Gemüther,

Niemand zwingt uns in das Joch.

Raubt man uns so Ehr' als Güter,

Bleibet unsre Hoffnung doch.

 

Johann Christian Günther

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